Georgische Kirche wurde 1700!

February 11, 2011
Tatjana Montik
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Georgien ist ein frommes Land. Schwer zu sagen, wie es hier in der Sowjetzeit um die freie eligionsausübung gestanden hat.

Doch jetzt scheint jedermann mit der Kirche etwas zu tun zu haben – von Groß bis Klein. Sogar schick aussehende junge Mädchen, in Versace und Dolce & Gabana gekleidet und im Westen studiert, sollen fleißige Kirchgängerinnen sein! Der größte Verdienst an einer solchen Verehrung der Kirche hat der georgische Kirchenpatriarch Ilya II., den seine Landsleute sogar für heilig halten. Der Patriarch ist sehr weise und klug, hat unzählige Begabungen und eine hohe IQ. Und es ist nicht zuletzt seinem Talent zu verdanken, dass seine Kirche in wenigen Jahren so viele Gläubige dazu gewonnen hat!

Heute feiert die georgische orthodoxe Kirche das 1700 jährige Jubiläum ihrer Gründung. Zu diesem Anlass gibt es einen pompösen Gottesdienst in der ältesten Kathedrale des Landes in der alten Hauptstadt Mzkheta, ein großes Ereignis jedes Jahr. Und diesmal wurden in Mzkheta nicht nur Abertausende Georgier erwartet, sondern auch Kirchpatriarchen und ihre Vertreter aus anderer orthodoxer Herren Länder.

Wir wollten ursprünglich auch nach Mzkheta fahren, um – wie unsere gute Bekannte Natella sagte – wenigstens einen Fuß auf die heilige Erde zu setzen. Aber dann hatte die reine Vernunft die Bewegung unserer Herzen besiegt, und wir blieben zu Hause, um uns den Genuss, in den Menschenmassen verloren zu gehen, zu ersparen.

An diesem Feiertag machte ich in meinem geregelten Tagesablauf keine Abweichungen und ging wie gewohnt auf meinen geliebten Berg zum See joggen. Da es zu regnen anfing, fuhr ich zum See mit dem Auto hoch, um beim Laufen auf der nassen Straße auf dem Weg nach oben nicht auszurutschen. Das Wetter am großen Feiertag schien kein besonderes Geschenk für die Menschen bereit zu halten: Der Himmel grau und verhangen, und hin und wieder nieselte es unangenehm und herbstlich. Das einzige Vergnügen war die erfrischende und munter machende Bergluft, die im Herbst für die Lunge noch viel angenehmer als bei warmem Wetter ist.

Als ich eine Runde durch den Wald lief und mich auf einer Bank für ein paar Körperübungen niedergelassen hatte, gesellte sich ein Pärchen mit einem Kinderwagen zu mir. In dem Augenblick, in dem ich meine Arme an die Bank stemmte, fing das Pärchen an, sein Picknick auf der Bank auszubreiten. Als ich den Geruch des frisch gebrühten Kaffees aus der Thermoskanne wahrnahm, wurde mir schwindelig, und mein Magen knurrte.

Als ob er meine Gedanken erraten hatte, bot mir der Vater des Kleinkindes, das im Kinderwagen friedlich schlief, herzlich an: „Kommen Sie, gesellen Sie sich zu uns! Lassen Sie sich doch von uns bewirten!“ Ich schenkte dem Paar einen verständnislosen Blick. Wir kennen uns doch überhaupt nicht? Bietet man hier zu Lande jedermann einfach so Kaffee an? „Der Kaffee ist frisch gebrüht und schmeckt köstlich“ beharrte der nette Herr auf seiner Einladung. Und daran hatte ich in der Tat keinen Zweifel! Und trotz alledem lehnte ich sein verlockendes Angebot ab: „Vielen Dank! Ich würde Ihnen zwar liebend gerne Gesellschaft leisten, muss aber mit meinem Programm weiter fortfahren. Und ein Kaffee, selbst der kleinste, würde meine Selbstdisziplin vernichten“. – „Wir haben heute einen sehr großen Feiertag!“ – „Ich weiß!“ Der freundliche Mann ließ nicht locker: „Herzlichen Glückwunsch dazu! Kommen Sie, feiern Sie ein wenig mit uns! Hier, greifen Sie doch zur Schokolade!“ Und obwohl ich mich nicht aufhalten lassen wollte und alle Bewirtungsversuche tapfer abgeschlagen hatte, kam ich dennoch ins Gespräch mit dem gastfreundlichen Pärchen.

Es stellte sich heraus, die beiden sind keine Eltern, sondern Großeltern gewesen. Das Baby im Wagen war ihre Enkelin, das Kind ihrer Tochter, das sie mit 15 bekam, und so für ihr frühes Großelternglück sorgte. Wir unterhielten uns noch kurz über meinen Nachwuchs und verabschiedeten uns voneinander bis zum nächsten Mal, das bestimmt wieder kommt.

Erstaunlicherweise hellte meine auf den ersten Blick nichts sagende Begegnung meine Stimmung stark auf. Als hätte die Sonne die Wolken durchgerissen, um zum Vorschein zu kommen. Und in der Tat kam die Sonne bald darauf hinter den Wolken heraus.

Und ich, in meinem Zustand einer kaum erklärbaren kindischen Freude, konnte so der Veranstaltung von unserem Abendprogramm, dem Empfang des georgischen Kirchenpatriarchen Ilya II. anlässlich des Kirchenjubiläums, mit bedeutend mehr Freude entgegen sehen! Der Patriarch Ilya II. gibt einen Empfang – in einem Seerestaurant am Ufer des Tifliser Stausees, um das Kirchenjubiläum im großen Rahmen zu begehen.

Auf dem Weg im Dunkeln zum so genannten Tifliser Meer wird einem leicht unbehaglich. Der enorm groß wirkende Stausee wird mit unzähligen Laternen beleuchtet, die wie Soldaten in Reih und Glied aufgestellt wurden und nun gelbes Licht abwerfen und offenbaren, dass es um den See herum eigentlich nichts Weiteres als die Fahrbahn gibt, bloß eine gähnende Leere. Wie mag es hier im Hellen aussehen?

Zum Restaurant Tiflis Sea Club führt ein gesonderter Steg. Und da herrscht bereits ein großes Aufkommen von Fahrzeugen – teure Karossen, Minibusse und Taxis, die von der Polizei zum Parkplatz geleitet werden. Das Restaurant selbst erinnert an mehrere zusammengesetzte Muscheln aus Glas, die im Schein von Weihnachtslichtern erstrahlen. Durch die Glasvitrinen sieht man viele große, in Weiß gedeckte Tische, die sich vor Vorspeisen und Getränken biegen. Und das bedeutet: Verköstigt wird man majestätisch – nicht wie bei einem Stehempfang, sondern im Rahmen eines großartig arrangierten Banketts.

Schwarz macht sich gut auf Weiß. Schwarz ist auch die Farbe, die an diesem Abend in der Kleidung der hohen Gäste dominiert. Die meisten Würdenträger tragen sie. Und es sind viele Gottesdiener versammelt, aller Ränge, und aus aller Herren Länder. Sie laufen hin und her, vermitteln eine unruhige Stimmung. Sie gruppieren sich hier und da, warten ab, und laufen und laufen herum.

Und dann erscheint der georgische Patriarch höchstpersönlich. Er kommt inmitten einer Eskorte von Würdenträgern und Bodyguards. Und im Nu wird es im Saal still. Alle warten auf ihn, den Gastgeber, in ehrfürchtiger Stimmung. Von Ilya II. erzählt man sich, er habe eine ganz starke Aura und ein überwältigendes Charisma. Und nun bekommen wir ihn zu Gesicht. Der Patriarch ist ein alter und gebrechlicher Mann, und er erinnert in seiner Statur an den Papst Johannes Paul II. in dessen späten Jahren.

Die besonders wichtigen Gäste, einschließlich des Tifliser Bürgermeisters und des Parlamentssprechers, lassen sich zusammen mit dem Patriarchen an einem Tisch, der mitten im Raum steht, platzieren. Die übrigen Gäste verteilen sich an den anderen Tischen. Die freie Sitzwahl ist heute angesagt.

Wir landen an einem Tisch, von dem aus man die hohen Würdenträger einschließlich des Patriarchen, gut beobachten kann. Zusammen mit uns am Tisch finden sich vier Vertreter der im Parlament oppositionellen Christdemokraten sowie die Botschafter und Gesandten der befreundeten Staaten. Die Britin erinnert an ein gealtertes Schulmädchen, an dem das Leben vorbeilief. Der neben ihr sitzende Grieche, ein Fuchs und Witzbold, scheint sich neben der Angelsachsin wohl zu fühlen, macht Witze, lächelt listig und gerissen. Der Japaner ist scheu wie ein junges Fräulein, und seine Mundwinkel zeigen nach unten. Er ist wortkarg und isst den ganzen Abend nichts außer Käse und Weißbrot. Offenbar fehlen im seine Stäbchen.

Mit meinem bulgarischen Tischnachbarn habe ich wohl das bestmögliche Los gezogen: Er ist galant, gesprächig und kennt sich in der Politik der postsowjetischen Länder perfekt aus. Er berichtet, seine Ehefrau sei eine Russin aus Moldawien, was uns natürlich noch ein Stück näher zusammen bringt. Erstaunlicherweise sprechen außer dem Bulgaren alle Botschafter sowie ein Parlamentsvertreter (dieser mit einem typisch georgischen Namen und einem total slawischen Aussehen!) … Deutsch. Der Bulgare spricht dafür ein akzentfreies Russisch. Er hatte in Moskau studiert und ist ein eingefleischter Russophile.

Das Bankett wird mit der georgischen Hymne eröffnet, zu deren Klängen sich alle Gäste erheben. Danach eröffnet der Patriarch das Bankett mit einem (zu) langen Trinkspruch, der ins Griechische gedolmetscht wird. Der griechische Botschafter spielt für unsere Tafelrunde den Dolmetscher, indem er die 15-minütige Rede zu drei Sätzen zusammenfasst. Auf diesen Trinkspruch müssen die Männer stehend anstoßen, die Damen dürfen sitzend trinken.

Das Bankett ist eröffnet, und es folgt ein Konzert mit georgischer Folklore – Gesang und Tanz, die bunt und abwechslungsreich sind. Die georgischen Vorspeisen und der Wein schmecken köstlich. Die Gäste werden mit jeder Minute umgänglicher und lockerer – alle außer dem Japaner. Auf die Vorspeisen folgen nun die Hauptgerichte, monströse Schaschliks jeweils aus Stör und Rind, die auf gewaltig langen Spießen serviert werden – zwei – drei pro Tisch. Und die Portion ist mehr als ausreichend: Ein Spieß füttert gut eine ganze Tischgesellschaft.

Ich komme jedoch kaum dazu, etwas in den Mund zu nehmen, obwohl mein Tischnachbar, der gesellige bulgarische Botschafter, mich eifrig bewirtet. Zum einen sind mir die Gespräche mit den Vertretern der Parlamentsminderheit und mit meinem neuen balkanischen Bekannten zu spannend. Zum anderen sind die Aufführungen, die pausenlos vor unserem Tisch dargeboten werden, zu schön, um sich davon ablenken zu lassen.

Zwischendurch wird das Konzert immer wieder unterbrochen durch die Ansprachen der hohen Gäste, von denen fast alle Würdenträger von befreundeten orthodoxen Kirchen der ausländischen Staaten sind – aus Serbien, Griechenland, Kroatien, Bulgarien und sogar … aus Russland. Der Gesandte des Patriarchen Kyrill spricht auf Griechisch, während viele seiner Kollegen in ihren Reden … Russisch bevorzugen. Dies scheint allerdings niemanden von den Versammelten zu wundern. Bloß mein neuer bulgarischer Bekannter regt sich furchtbar auf … über das schlechte Russisch des bulgarischen Kirchenvertreters: dieser gebrauche falsche Rektionen und Deklinationen. Ich tröste ihn: In Georgien wird das kaum jemandem auffallen, denn die Georgier selber machen aus dem Russischen keine Wissenschaft und gebrauchen die Fälle nach Lust und Laune.

Als das Konzert zu Ende ist, komme ich ins Gespräch mit meinen Tischnachbarn von rechts, die die Minderheit im georgischen Parlament vertreten. Der eine von ihnen, ein adretter und noch sehr jung wirkender Mann, erzählt, vor einigen Jahren selbst Journalist gewesen zu sein. Er sei Moderator einer beliebten politischen Talk-Show gewesen, und zwar derjenige, den Saakaschwilis Sicherheitskräfte direkt aus der Sendung abgeführt hatten, als der Präsident vor drei Jahren die georgischen Medien unter seine Kontrolle zu nehmen begann. Saakaschwili habe seine Karriere und die seiner Frau zerstört, deshalb sei er in die Politik gegangen. Ich frage ihn, ob Saakaschwili eine ähnlich zahme Opposition habe wie etwa seine Rivalen Putin und Medwedew in Russland. Nein, sagt Georgi, die Opposition seiner christdemokratischen Partei sei eine konstruktive, und sie sage nicht immer nein zu allem, was vom Präsidenten kommt, was unter den georgischen Oppositionellen wohl sehr oft der Fall sei. Seine Christdemokraten wollen ihr Land auf zivilisierte Weise verändern, und sich nicht bloß an Saakaschwili rächen.

Im Gespräch stellen Georgi und ich fest, dass wir einen gemeinsamen Bekannten haben, den Chef-Redakteur der größten oppositionellen Zeitung und einen in Georgien sehr geachteten Mann. Die Welt ist wirklich klein, zumindest in Georgien! Mein Vis-a-vis verspricht mir sogar, für uns ein Wiedersehen zu organisieren.

Als die Kellner Tee und Kaffee servieren, ist es für uns höchste Zeit zu gehen. Die meisten ausländischen Diplomaten sind ohnehin längst weg. Es sind nur Würdenträger und die Georgier, die nach 1 Uhr in der Nacht in der bunt glitzernden Halle zurückbleiben, als wir uns nach Hause aufmachen.