Georgien: Von tanzenden Kriegern und heilenden Ahnen

June 01, 2014
Tatjana Montik
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Das Südkaukasische Land Georgien möchte am 27. Juni einen Assoziationsvertrag mit der EU unterzeichnen. Was viele im Westen nicht ahnen: Dieses kleine malerische Land an der alten Seidenstraße, am Schnittpunkt zwischen dem Orient und dem Okzident, bietet den Europäern einiges, was sie melancholisch und nostalgisch stimmen könnte. 

Die Liste von Georgiens Reichtümern wäre lang: hohe Berge und malerische Täler, die bis in die Antike zurückreichende Geschichte, die einzigartige Architektur seiner Städte, in denen sich die europäischen Züge mit orientalischen Einflüssen zur einer perfekten Symbiose verbinden, seine uralte Wein-Tradition und eine phänomenale Gastronomie. Doch ganz oben auf dieser Liste stehen seine legendär gastfreundlichen Menschen, dank denen man in Georgien eine Mischung aus der ungewöhnlichen Langsamkeit des Seins und südländischer Dolce Vita erleben kann, die in vielen Ecken Europas inzwischen verloren gegangen sind.

Wer dieses Land näher kennen lernen möchte, müsste mit dem nationalen Tanz und dem polyphonen Gesang anfangen, da diese eröffnen sofort einen Zugang  zum Verständnis der Seele dieses stolzen, aber auch kriegerischen Volkes, das seine Kämpfernatur jedoch nur den fremden Eroberern zeigte: den Türken, den Persern, den Mongolen und nicht zuletzt den Russen.

Wer einmal selbst nur bei Proben von Erisioni, des georgischen nationalen Tanz- und Gesangensembles, gewesen ist, wird das nie mehr vergessen. Zum polyphonen Gesang, der den dezenten Klang nationaler  Instrumente überdeckt, absolvieren Männer und Frauen ganz unterschiedliche Partituren.  Die ausgekünstelten Dreh- und Sprungbewegungen der Männer sowie ihre unerwartet kommenden Tanztricks sind derart kompliziert, dass sie jeder fernöstlichen Kampfart leicht Konkurrenz machen könnten: Es wird lange auf Zehenspitzen getanzt, Turmfiguren werden in Sekundenschnelle gebildet, geschwind werden Reigen mit im 90-Grad-Winkel zur Erde gebogenen Oberkörpern gedreht, es wird mit den Schwertern gekämpft und synchron in langen Reihen stolziert.  Die Frauen bewegen sich nicht, sie gleiten über dem Boden, gediegen und langsam, ausgesprochen feminin, und bieten eindrucksvolle Beispiele an Würde und Geschmeidigkeit.

Der künstlerische Leiter des Ensembles, Dschemal Tschkuaseli, warnt: Es sei fatal zu denken, dass die Frauen im georgischen Tanz sowie im Leben eine zweitrangige Rolle spielten. Und der georgische Tanz sei ein Ausdruck von Frauen-Verehrung, ja –Vergöttlichung.  Seit 28 Jahren leitet Tschkuaseli diese Truppe, deren Geschichte ins Jahr 1885 zurückgeht. In einem alten Palais am Rustaweli Prospekt in Tiflis hat er sein Büro, von dem aus er, ein gediegener Patriarch, souverän sein Reich regiert: „Von unseren Künstlern verlangen wir keine klassische Ausbildung, weder im Gesang noch im Tanz“. Wie ist das möglich? – Ganz einfach: Jeder Georgier habe Musik in seinen Genen: „Den polyphonen Gesang und den damit eng in Verbindung stehenden Tanz gab es noch vor unserer Zeitrechnung. Und wie lange gibt es die klassische Musik, sagen Sie mir?“  pariert Tschkuaseli. Außerdem gebe es im georgischen Gesang ganze fünf Stimmhöhen statt der klassischen drei. Nicht zufällig zähle der georgische polyphone Gesang zum Weltkulturerbe der Menschheit´, so Tschkuaseli.

Es war diese zauberhafte aus der Dissonanz zur Harmonie erwachsene polyphone Musik, die die Schottin Magde Bray vor neun Jahren zum ersten Mal nach Georgien brachte. Studierte Psychologin, war sie auf der Suche nach alternativen Therapie-Methoden für Menschen mit Kindheitstraumata unterwegs. Bei ihrer Recherche stieß sie auf die Batonebi-Songs, mit denen die georgischen Frauen ihre Kinder heilen. „Mit ihrem Gesang beschwören die Frauen die Geister der Ahnen, die zu dem kranken Kind, das inmitten von Blumen auf dem Boden liegt, kommen und es heilen sollen“, erzählt die heute 61-jährige Psychologin. „Die Georgier benutzen die Harmonie der Musik als ein Mittel für die Herstellung der Verbindung zwischen dem inneren Leiden des Menschen und seinem inneren Konflikt. Und der harmonische Klang der polyphonen Musik ist ihr Mittel zur Harmonisierung der Seele“, sagt Bray.

Selbst im schottischen Gebirge aufgewachsen, verlor Madge Bray an das Bergland Georgien ihr Herz. Nun kommt sie regelmäßig, manchmal zwei Mal im Jahr, alleine oder mit Gleichgesinnten hierher. Am liebsten geht man dann nach Swanetien, ins kaukasische Hochgebirge, dorthin, wo die Traditionen auf natürliche Weise konserviert wurden dank der abgeschiedenen Lage dieser Region. Man lebt  bei einfachen Familien in Dörfern, man studiert den polyphonen Gesang, man besucht die alten in Familienbesitz stehenden Kirchen mit Fresken aus dem 10. bis 11. Jahrhundert, man lernt Käse und andere einheimische Köstlichkeiten zuzubereiten. Und hat man Glück, nimmt man sogar an den animistischen Ritualen teil, wenn etwa in einer langen Januarnacht beim Lipanali-Fest Ahnengeister an die herrlich gedeckte feierliche Tafel, Supra genannt, eingeladen werden oder wenn Tieropfer dargeboten werden. „Mit dem Geld, das wir für unsere Touren sammeln, versuchen wir, die noch erhaltenen ganzen singenden Dörfer zu unterstützen, damit die Alten ihre Kunst an die Nachkommen weiter reichen“, erzählt Bray.

Es war nicht zuletzt Georgiens Unverfälschtheit und Ursprünglichkeit, die den amerikanischen Musikwissenschaftler John Graham nach Georgien lockte. An der Princeton-University gründete und leitete er dann 2006 den eigenen georgischen Chor, und er reiste regelmäßig ins Land, um die Quellen vor Ort zu studieren. Dann konvertierte Graham selbst zum georgisch-orthodoxen Glauben. „Mich und viele meinesgleichen aus den USA, England, Australien und Neuseeland, hat in Georgien angesprochen, dass sein orthodoxer Glaube aus den Anfänge des Christentums stammt und dass er nicht künstlich gegründet wurde wie viele neue Religionen bei uns in Amerika. Und man hat in Georgien bis heute zahlreiche Kultusstätten aus dem  5. und 6. Jahrhundert n.Chr., die im Originalzustand erhalten wurden, wie etwa das Höhlenkloster David Garedschi oder das Bodbe-Kloster in Kachetien mit dem Grab  der Heiligen Nino, die im 4.Jahrhundert das Christentum aus Kappadokien nach Georgien brachte“.

Der 34-jährige Graham, Georgien-Experte mit langjähriger Erfahrung, organisiert nun selber für die anspruchsvollen Individual-Touristen aus dem Westen jährlich seine so genannte Kirchen- und Klostertour. Es ist keine einfache Pilgerfahrt, die unter anderem Gespräche mit den Mönchen und Nonnen sowie manchmal auch sogar mit dem Kirchenoberhaupt Ilia II. beinhaltet.  Ausflüge in die atemberaubenden Naturpanoramen wie die Fahrt auf der georgischen Heeresstraße sowie kulinarische Genüsse und das Studium der acht Jahrtausende alten Weintradition des Landes sind mitinkludiert.

John Graham ist nur einer von vielen, die nach Georgien kamen und von hier nicht mehr weggehen konnten, gebannt von der mächtigen Natur und Kultur des Landes, aber nicht nur davon. „Die Georgier sind emotionsbetonte und künstlerisch geprägte Kampfgeister, sagt Graham. Im Laufe ihrer gesamten Geschichte mussten sie ihr Land stets gegen fremde Eroberer verteidigen, und immer waren sie zahlenmäßig unterlegen. Keine Logik, keine Rationalität konnte ihnen dabei helfen. Wie kann man sich auch gegen eine Arme, die zehnmal so stark ist wie deine eigene, auf rationale Weise schützen? Rationale Menschen hätten es längst aufgegeben. Doch nicht die Georgier! Diese Menschen zogen in den Kampf, weil ihre Kultur, weil ihr Vaterland, weil ihre Religion immer so mächtig waren, dass sie sich selber ihnen zu opfern bereit waren, damit ihre Kultur und Tradition weiter lebten“.

Georgien, ein Land mit alten Traditionen, hat unglaubliche Anziehungskraft. Und es öffnet sich mehr und mehr seinen neugierigen Gästen, wovon jährlich wachsende Touristenzahlen zeugen. Und wer hier einmal gewesen ist, kehrt immer wieder zurück. Oder er bleibt ganz da. Denn Georgien ist ansteckend! So zumindest behaupten viele, die hier gewesen sind.

 

Aus dem Land der Mythen:

Ihren Gästen erzählen die Georgier folgende Geschichte. „Als Gott die Länder der Erde an die Völker verteilte, kamen die Georgier zu spät dran. Der Herrgott fragte böse, wo sie denn so lange gewesen seien, als alle anderen Völker brav nach Land anstanden. Daraufhin erwiderten die Georgier, offenbar ohne sich ihrer Schuld bewusst zu sein: „Wir fuhren nur deshalb langsam, oh Vater, weil wir den ganzen Weg auf deine Gesundheit tranken!“ Darauf der Herrgott: „Na so was! Ich sehe: Ihr seid ein gutes Volk, und ich werde euch ein sehr schönes Land in den Bergen schenken, das ich zunächst für mich selbst reserviert habe!“ Und er schenkte ihnen ein begnadetste Land im Südkaukasus, ein Paradies auf Erden“.

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