Georgien: Ein Land der (Nächsten-)Liebe

February 11, 2011
Tatjana Montik


An einem Tifliser Herbst-Sonntag hatte das Wetter verrückt gespielt. Sonne, Wolken und Regen wechselten sich im raschen Tempo ab, und man wusste nicht, was man an einem solchen Tag unternehmen sollte. Unser ursprünglich geplanter Ausflug zum Flohmarkt hätte leicht zu einem Flopp werden können. Also gingen wir einfach los – meine Freundin Ludmila, die uns aus Kiew besuchte, und ich mit Theo im Schlepptau (=Tragetuch) – zu einem kleinen Spaziergang in unserem Viertel.

Die Straße zum Schildkrötensee hat in der Nähe von unserem Haus eine Gabelung, und ein Teil der Straße führt nicht hoch in die Berge, sondern zurück in die Stadt, über den großen Vake-Park zu einem der beliebtesten Viertel der Stadt mit Restaurants, Bäckereien, Geschäften, Beautysalons und Cafés.

Der Vake-Park liegt am Berghang. In seinem unteren Teil gibt es Kinderspiel- und Rummelplätze, eine rustikale Imbissbude und einen vernachlässigten Springbrunnen mit den Überresten einer monströsen Wasserfallanlage, die heute nicht mehr funktioniert und ziemlich zerschlagen aussieht. Dieser Parkteil ist zwar groß und weitläufig, wirkt aber ungemütlich.

Eine ganz andere Sache ist es, wenn man durch diesen Park oben am Berg spazieren geht. Das ist viel angenehmer, denn von da aus eröffnet sich einem ein prächtiger Ausblick auf Tiflis. Die durch den oberen Teil des Park führende Straße ist kaum befahren. Und dennoch ist sie für jedermann in der Stadt ein Begriff. Im Volksmund wird als die ‚Straße der Liebe’ bezeichnet. Als ich meiner Freundin darüber erzähle, will sie mir nicht glauben, bis sie sich selber davon vergewissert.

Hier und da stehen am Straßenrand PKWs, deren Insassen ihre Abgeschiedenheit nicht im Wald suchen, sondern die sich einfach in ihrem Auto vom Rest der Welt zurückgezogen haben. Hierher pflegen sich viele Liebespärchen zu verziehen, um sich vom Trubel der Stadt zu erholen und ungestört im eigenen Auto … die Körpernähe voneinander zu genießen. So viel zu Georgien als einem Land von strengen Sitten und hohen Moralvorstellungen.

Abends ist auf dieser Straße besonders viel los. Aber auch an Werktagen und sogar mitten am Tag kann man hier schnell ungewollt zum Friedestörer werden, wenn man die Pärchen beim Liebestreiben auf Hintersitzen etwa durch laute Gespräche unvorsichtigerweise stört. Im Sommer, erzählt man sich, kann man sogar über die Liebestreibenden stolpern, die einfach nackt im Gras zu liegen pflegen.

Der Großvater eines von Antons Spielfreunden hat sich einmal bei mir beklagt: Die Menschen heutzutage können die Demokratie vom Fehlen der moralischen Normen nicht unterscheiden. Es sei eine Schande, was sich manche in diesem Park erlauben würden. Und wie solle er bitte schön seinem Enkelsohn erklären, warum sich die Onkels und Tanten da im Wald ohne Kleidung herumwälzen? Er habe sich zwar eine Erklärung überlegt: die Onkels und Tanten hätten ihre Kleidung aus Versehen zu Hause vergessen. Nun wisse er aber nicht, wie lange sein Enkelsohn ihm Glauben schenken würde.

Wo die Liebesstraße aufhört, steht man gleich zu Füßen einer riesigen Statue, die über die ganze Stadt ragt und traurig auf die kaputte Wasserfall-Anlage nach unten schaut. Sie wurde aus vielen kleinen Blechteilen zusammengeschmiedet. Wenn man davor steht, kommt man sich klein und nichtig vor und man hat Angst, die Statue würde wegen ihres Gewichts einmal den Berg hinunterstürzen. Die Frauenfigur wirkt pathetisch. Sie trägt in den Armen einen Zweig, den sie hoch nach oben hält. Als ich dieses Denkmal zum ersten Mal erblickte, dachte ich, es sei eine Reminiszenz an die Olympischen Spiele in Moskau von 1980 gewesen. Doch ich hatte mich geirrt. Denn es handelt sich um ein Denkmal für die Mütter aller im letzten Weltkrieg verschollenen Soldaten.

Eine schlecht asphaltierte Straße führt uns an der Soldatenmutter vorbei in ein Viertel mit vielen privaten Häusern. Und auch wenn die meisten Häuser weder neu noch schick aussehen, wirkt dieses Viertel sehr gemütlich. Dafür sorgen die vielen Gärten, die die Häuser umrunden. Man sieht Weinstöcke, Feigen- und Granatapfelbäume, die mitten in Gärten wachsen. Die meisten Häuser sind alt, keins davon ist aber älter als 70 Jahre, denn das Vake-Viertel ist ein Teil der Stadt, der erst nach dem letzten Weltkrieg angelegt wurde. Davor hatte es hier einfach nur Wald gegeben. Und es gibt in diesem Viertel, besonders in dessen oberem Teil, sehr viele Einzelhäuser. Deshalb drängt sich mir eine Vermutung auf: Wenn in der Sowjetzeit in Georgien viele Menschen in Privathäusern leben durften, hat es hier vielleicht um die Privatsphäre der Menschen viel besser gestanden als im Rest des Landes? Waren die Georgier vielleicht ein wenig freier und von der (oft feindseligen) Öffentlichkeit besser geschützt als ihre Mitbürger in anderen Teilen des Landes?

An der anderen Seite des Parks angelangt, nehmen wir eine Straße, die den Berg hinunter führt, und wir gehen tiefer in das Vake-Viertel hinein. Unten gibt es kaum noch Privathäuser. Hier dominieren größere Bauten im Stile des stalinistischen Klassizismus. Sie sind zwar etwas üppiger und schmucker als die aus den 60ern, aber dennoch ihrem Stil nach rein sowjetisch. Ihnen gesellen sich hier und da, aber Gott sei dank nur ein paar schmucklose und sachlich-kühle Plattenbauten aus den 70ern. Zur Ergänzung dieser bunten Mischung gibt es einige Werke der zeitgenössischen Architekten, die für die neuen Reichen und für die zahlreichen in Tiflis lebenden Expats gebaut wurden.

Die Gemütlichkeit des Vake-Viertels machen die großen alten Ahornbäume aus, die in der warmen Jahreszeit die Straßen von Vake mit dem üppigen Grün ihres Laubs ausschmücken. Einen besonderen Charme verleihen diesem Viertel auch die vielen kleinen Läden. Und es sind weniger die teueren Boutiquen und alle Arten von Lokalen, sondern eher ganz einfache Obst- und Gemüsegeschäfte, wo man auf allerhand Produkte trifft, vor allem auf die vielen Kräuter und Gewürze und die frischen duftenden Käselaibe, die man vor dem Kaufen natürlich auch probieren darf. Die Verkäufer dieser Geschäfte sind freundlich, unaufdringlich und hilfsbereit. Man bedient sich selbst, und es macht viel mehr Spaß, in diesen Läden einzukaufen, als etwa auf dem Markt.

Wir bummeln durch das Viertel, sitzen ein Weilchen in einem Café bei Capuccino und Kuchen, während zwei Kellnerinnen den kleinen Theo bewundern, ihn herumtragen und umjubeln. Dann kaufen wir noch ein wenig Obst, frischgebackenes Brot und Käse und erfreuen uns an dem Wetter, das überhaupt nicht dem entspricht, was man sich hätte erwarten können.

Ein unerfahrener Mitteleuropäer kommt sich in Georgien Mitte – Ende Oktober manchmal vor, als wäre er im Sommer gelandet: Die Temperaturen sind mild, die Luft ist warm und es riecht kaum noch nach Herbst. Überall trifft man auf blühende Pflanzen und hübsche Schmetterlinge, und dicke Weinbeeren lächeln einen von den Gärten der Häuser aus an.

Und auch heute hat der Himmel aufgeklart, und hinter den vielen Wolken, die erst vor kurzem den Regen verhießen, kommt wieder die Sonne durch. Nach Hause kehren wir über den unteren Teil des Vake-Parks zurück, indem wir eine Straße hinter dem großen Fußballstadion nehmen. Es ist ein gut asphaltierter Fußgängerweg, an dessen beiden Seiten einige heruntergekommene Sportplätze zu sehen sind. Sie sind ein nicht mehr hergerichtetes Überbleibsel der sowjetischen Zeit, in der bekanntlich dem Leistungssport große Bedeutung beigemessen wurde.

Zu Hause holen wir die beiden übrigen Männer, Peter und Anton, ab und steuern dann zusammen die Straße hoch in Richtung des Restaurants, von dem aus wir ein herrliches Stadtpanorama beim guten Wetter und dem Sonnenuntergang genießen wollen. Dieses altgeorgische Haus mit einer hübschen aus Holz geschnitzten Terrasse, die von Weinlauben verziert wird, ist ein Teil des ethnografischen Open-Air-Museums und inzwischen unser Stammlokal. Auch wenn die Auswahl an Speisen hier ziemlich klein und rustikal ist, schmeckt uns hier alles wesentlich besser als irgendwo in der Stadt, alleine aufgrund der Aussicht und an der frischen Luft.

Am Tisch neben uns sitzt eine umfangreiche Männer-Gesellschaft. Sie feiert herzhaft, an der üppig gedeckten Tafel sitzend, Wein trinkend und dabei lange Trinksprüche haltend. Hin und wieder singen die Männer zur Gitarre romantisch anmutende Lieder auf Georgisch. Kein Wunder, dass wir das Lokal so gerne mögen. Oberhalb des ethnografischen Museums kommt man hier regelmäßig in den Genuss diverser Überraschungen.

Unser ausgedehnter Spaziergang mit Theo im Schlepptau hat bei Ludmila und mir für guten Appetit gesorgt. Und wir können uns nicht zurückhalten, zum Abendbrot so einiges an nahrhaften georgischen Speisen zu bestellen: herzhaften Landwein, Auberginen mit Nusspaste und Granatapfelkernen, Sulunguni-Käse, Salat mit Tomaten, Gurken und Zwiebeln und Schaschlyk vom Kalb. Anton ordert sich seine Leibspeise, einen mit Käse gefüllten Fladen, genannt Chatschapuri, ohne den für ihn im Restaurant gar nichts geht.

Je weiter der Abend fortschreitet, desto satter und berauschter werden wir alle und desto ausgelassener werden unsere Nachbarn. Schon haben sie sich uns in aller Ausführlichkeit vorgestellt, schon kommen sie auf unseren Tisch zu und wollen unsere beiden kleinen Männer, Theo und Anton, kennen lernen. An kleinen Kindern ergötzen sich die Georgier schnell. Der eine von ihnen nimmt Theo in den Arme, knuddelt ihn und küsst ihn ab. Der andere umjubelt Anton und lobt ihn übermäßig.

Die Umgangsformen, mit denen georgische Männer kleine Kinder behandeln, kamen mir am Anfang etwas unheimlich vor. Als etwa der Fahrer vom Kindergarten, der unseren Anton jeden Morgen abholt, ihm einmal beim Anziehen half, ihn dabei abküsste und ihn fest umarmte, musste ich zuerst schlucken und tief den Atem holen, um nicht sofort auszuflippen. Meine erste Reaktion darauf war die Absicht, mit dem Fahrer einmal über gewisse Verhaltensregeln zu reden. Denn warum sollte ein Mann einen kleinen Jungen knuddeln und ihn abbusseln? Wohin wird das führen? Auf welche Gedanken kommt man dabei zwangsläufig? Doch später haben mir meine georgischen Bekannten erläutert, dies sei ein durch und durch verbreiteter Ausdruck der Begeisterung bei georgischen Männern auf kleine Kinder, egal ob Mädchen oder Junge. Also halte ich mich jetzt zurück, wenn ich Zeugin solcher Zärtlichkeiten werde, obwohl sie mir immer noch äußerst befremdlich vorkommen.

Und jetzt schaue ich erstaunt zu, wie locker unser sonst bei Fremden zurückhaltender Anton den Umarmungen seiner neuen Freunde entgegnet. Bei einem von ihnen springt auf den Knien herum, schneidet ihm Grimassen, wird wild und tobt herum, als hätte man ihm Wein zum Probieren gegeben. Unser Anton scheint sich daran gewöhnt zu haben, überall umjubelt zu werden. Und auf diverse Sympathieäußerungen reagiert er immer öfter mit Dankbarkeit und Zuwendung.

Inzwischen ist es draußen dunkel geworden, und die Stadt unter uns erstrahlt in tausend bunten Lichtern. Im Tal gegenüber kann man sogar eine hoch in den Bergen liegende Straße gut erkennen.

Nun ist es für uns an der Zeit, zu gehen. Unsere Tischnachbarn verabschieden sich von uns, machen selber aber keine Anstalten, das Lokal zu verlassen. Wir tauschen sogar unsere Rufnummern aus. Als wir aber bezahlen möchten und Anton nach der Rechnung schicken, entreißen die Männer dem Kleinen den Rechnungsbeleg aus der Hand mit den Worten, für die Begleichung würden sie schon sorgen und wir sollten uns nicht mehr darum kümmern.

Ludmila und ich schauen einander hilflos an: Wie sollen wir darauf reagieren? Was wird Peter auf dieses großzügige Angebot dieser uns kaum bekannten Menschen sagen? Doch Peter ist wie sein Sohn locker und keineswegs verstört. Ich lehne das Angebot ab. Die Männer protestieren heftig und beharren darauf, uns einladen zu wollen. Sie behaupten, das sei ein Teil der georgischen Gastfreundschaft, und man darf seine Gastgeber nicht verletzen, indem man ihr Angebot nicht annimmt. Das sei ein ganz schlechter Ton. Wir schauen die Kellnerin fragend an: Würde sie ein Problem damit haben, wenn wir gehen, ohne unsere Rechnung zu begleichen? Auch sie ist keineswegs verwundert und sie sagt, die Herrschaften sollen uns doch gerne einladen, wenn sie dies so wünschen. Wir belassen es dabei, obwohl ich mir dabei wie eine Zechprellerin vorkomme.

An diesem Abend haben wir noch einmal festgestellt: In Georgien kommen die Gefühle heftiger zum Ausdruck als dies für unseren Teil der Welt üblich ist. Und es ist gleich, ob es sich ums Sauersein und das wilde Hupen am Steuer oder um die Freundschafts- und Liebesbekenntnisse handelt.

Das heutige Kapitel hieß Freundschafts- und Liebesbeweise. Und diese kommen auf unterschiedliche Weisen zum Ausdruck. Und deren weitere Erforschung verspricht uns, noch ein spannendes Unternehmen zu werden.