Eine Weihnachtsgeschichte aus Tiflis

February 11, 2011
Tatjana Montik


Brrr! Ist es kalt heute! Auf dem Balkon ist es heute in der Früh ohne Sonne, die sich hinter den Bergen versteckt hielt und an unserer Hausseite deshalb nicht zu sehen war, nur noch 3 Grad! Man empfindet die Luft als frostig, und endlich wird man auch hier, in diesem warmen Land ohne Schnee ein wenig in eine weihnachtliche Stimmung versetzt!

Gestern gingen Anton und ich an unserem Schildkrötensee spazieren. Nach 17 Uhr war es auf dem Berg bereits menschenleer. Die Abenddämmerung brach gerade ein. Die Luft war knackig-frisch und sie deutete auf den kommenden Nachtfrost an. An einigen Stellen waren die Wege mit Taurau bedeckt. Die Energie der Berge verlieh uns neue Kräfte. Und wir bestiegen den Berg über dem Schildkrötensee. Und je höher wir kamen, umso besser konnten wir das Panorama der Stadt bewundern, die sich vor uns im zarten rosaroten Schimmern wie auf der Handfläche ausbreitete.

Wir zogen den Berg hoch und sangen dabei die russischen Winter- und Weihnachtslieder, an die sich Anton aus seiner Zeit in seinem russischen Kindergarten noch ein wenig erinnern konnte. Wenn wir hin und wieder stehen blieben, um den unter uns liegenden See und die in leichten Nebel gehüllte Stadt zu betrachten, lachten wir laut in das Tal herunter, und das Tal erwiderte uns mit einem lustigen Echo.

Der Zauber dieses Abends ließ mich an meine Kindheit und die Feiertage erinnern. Ich unterhielt mich mit Anton über die Weihnachten und den Ablauf dieser schönen Feiertage. Bald würde er zusammen mit seinem Papa einen Weihnachtsbaum kaufen fahren, um ihn hübsch und feierlich zu schmücken, damit wir ihn bis zu den orthodoxen Weihnachten in voller Pracht genießen können. „Und wenn sich der erste Stern am Himmel zeigt, beginnt der Heilige Abend, denn das bedeutet, das Christkind ist geboren. Dann gibt es die Bescherung“. – „Prima, freute sich Anton. „Dann holen wir den Stern vom Himmel und laden ihn auf unser Auto drauf und bringen ihn mit zu uns nach Hause!“.

Ich fragte den Kleinen, was er sich vom Ded Moroz (Väterchen Frost) wünsche. Anton musste sich die Antwort nicht sehr lange überlegen: „Du weißt ja, mein Modell-Auto, der graue Lexus-Wagen, hat keinen Reifen mehr. Ich wünschte, Ded Moroz möge mir den Reifen reparieren, und wenn das nicht klappt, soll er mir einen neuen Lexus schenken“. An diesem Lexus hängt Anton schon sehr lange. Und kein anderes Auto kann ihm dieses Spielzeug ersetzen. Wo findet man bloß in Tiflis einen Ded Moroz mit Handwerkertalent?

Hoch auf dem Berg stehend, genossen wir die Umgebung, während Anton seinen Müsli-Riegel verspeiste. Das kleine Schleckermaul freut sich immer, wenn wir auf dem Berg ein kleines Picknick machen, wobei es immer etwas Besonderes zu essen gibt – kleine Naschereien, die ich für ihn im Drogeriemarkt in Berlin besorgt hatte und die ich möglich lange Zeit für ihn für diese besonderen Momente auf Vorrat halte.

Beim Picknick fragte ich Anton, ob er die Verpackung vom Müsli-Riegel, auf Russisch zärtlich fantik genannt, behalten möchte. Denn mir fiel ein, dass wir in meiner Kindheit solche hübschen fantiks niemals wegwarfen, sie sammelten und sogar untereinander tauschten. Für Anton hörte sich das wahrscheinlich etwas sonderbar an, aber er wollte dann die Verpackung tatsächlich nicht wegwerfen und trug sie in der Hand.

Die besondere unter uns herrschende Stimmung ließ mich weiter über meine Kindheit nachgrübeln. Ich sprach mit Anton darüber, dass ich in einem Land geboren war, das es nicht mehr gibt, und erläuterte ihm ein wenig die Geographie der ehemaligen Sowjetunion. Der Kleine war merklich beeindruckt davon, zu hören, dass sowohl Kiew und St Petersburg als auch Tiflis früher Teile eines großen Landes waren“.

„Mama, ist das ein schönes Land gewesen – die Sowjetunion?“ fragte mich Anton. – „Nein, mein Lieber, das war es eher nicht. Denn in diesem Land gab es viele böse Regierende, die die Menschen nicht reisen ließen und ihnen keine Wahrheit darüber erzählten, wie es den Menschen tatsächlich ging. Und den Menschen ging es schlecht. Aber davon haben sie nicht gewusst, weil sie nicht vergleichen durften. Wir durften nicht reisen – weder nach Deutschland noch nach Ägypten noch nach Spanien. Und es gab viele Waren nicht zu kaufen. Und manchmal mussten die Menschen schwer aufpassen, um nicht etwas Verbotenes zu sagen und dann dafür nicht im Gefängnis zu landen. Und alle Kinder mussten in der Sowjetunion Pioniere sein, rote Halstücher tragen und an den Feiertagen wie die Soldaten, in Reih und Glied, marschieren“.

Als wir den Berg herunter stiegen, begegneten wir einem drahtigen Mann in einer sportlichen Windjacke, der mit einem schwarzen Labrador zügigen Schrittes spazieren ging und uns dabei aufholte. Als der Mann merkte, dass Anton vor seiner Hündin Angst hatte, beruhigte er den Kleinen mit den Worten, die Hündin sei gutmütig und sie möge Kinder sehr. Und so kamen wir ins Gespräch.

Der Mann hatte gehört, dass wir uns über die Sowjetunion unterhielten. „Das war eine schöne Zeit – die Sowjetunion!“ sagte der Mann schwärmerisch. Ich fühlte mich verstört: „Empfinden Sie das wirklich? Denn für mich war das keine gute Zeit, und ich habe das auch meinem Sohn gerade erzählt“. – „Na ja, ich verbinde mit dieser Zeit auch gemischte Gefühle, gute und schlechte, aber die guten überwiegen. Ich durfte ja für die sowjetische Nationalmannschaft schwimmen!“, sagte der Mann mit einem gewissen Stolz, lächelte uns freundlich zu und zog weiter an uns vorbei.

Dies alles hatte Anton beeindruckt: „Und warum gibt es die Sowjetunion jetzt nicht mehr?“ – „Denn dann kam ein guter Onkel, Michail Gorbatschow, und er sagte, es sei Schluss mit der Unfreiheit. Er sagte auch, die Menschen sollen wieder reisen und die Wahrheit erfahren dürfen. Und so brach die Sowjetunion zusammen, und es bildeten viele kleinere Länder, darunter Russland, Belarus, die Ukraine und Georgien.

Als wir über einen schmalen Waldsteg zum See zurückkehrten, zeigte sich am Himmel ein riesiger orangefarbener Mond, der wie eine gewaltige leuchtende Apfelsine den Himmelreif erhellte. „Schau mal, Mama, rief Anton begeistert! Einen solchen Mond hat es in der Sowjetunion bestimmt nicht gegeben!“