Ein Topf, in dem nur die obere Schicht kocht

February 06, 2011
Tatjana Montik


Andrej Kurkow, international erfolgreichster ukrainischer Schriftsteller, hält seinem Land in seinen Romanen einen Spiegel vor. Tatjana Montik fragte ihn, was sich seit der „orangen Revolution“ geändert hat.

Standard: Wie lebt es sich in der Ukraine nach den stürmischen Ereignissen der letzten Jahre?
Kurkow: Hier ist es für niemanden langweilig, besonders für die Schriftsteller und Journalisten. Die Ukraine erinnert an einen riesigen Topf, in demes, entgegen allen Gesetzen der Physik, nur in der oberen Schicht kocht, und der Rest des Wassers bleibt kalt und verhältnismäßig gleichgültig gegenüber dem Kochprozess in der Oberschicht.

Standard: Gibt es in der heutigen Ukraine Demokratie und Zivilgesellschaft?
Kurkow: In meinem Land gibt es heutemehrDemokratie als Zivilgesellschaft. In Großstädten entwickelt sich die Zivilgesellschaft aberschnell. Es fängt damit an, dass sich die Bürger etwa gegen die Bebauung von Parks und Grünanlagen und gegen das Abtragen von Kinderspielplätzen stark machen. Vereinigungen von zivilenAktivisten können dann später auf die Entscheidungen von lokalen Behörden Einfluss nehmen.

Standard: Viele in der Ukrainemeinen, dass die „orange Revolution“ vergeblich stattgefunden hat.
Kurkow: Damit kann ich nie einverstanden sein! Denn die orange Revolution hat die Mentalität meiner Landsleute verändert. Sie half uns, noch einen Schritt weg von der sowjetischen Vergangenheit zu machen. Sie zog eine Linie zwischen der sowjetischen bzw. russischen kollektiven Mentalität und der individualistischen Mentalität der Ukrainer.

Standard: Warum streitet die Ukraine so oft mit Russland?
Kurkow:Weil alle Regierungen der unabhängigen Ukraine sich mit Moskau so oft als dessen Untertanen beraten haben, dass man im Kreml glaubte, die Ukraine sei überhaupt kein unabhängiger Staat. Und Russland glaubt bis heute noch nicht daran. Moskau ist der Ansicht, die Ukraine sei Wechselgeld in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen.

Standard: Sie haben – wenn man an Präsident Viktor Juschtschenko denkt – ein fast hellseherisches Buch geschrieben: „Die letzte Liebe des Präsidenten“. Ein Buch über Julia Timoschenko ist noch nicht in Arbeit?
Kurkow: Für das Buch über Julia Timoschenko hatte ich einen guten Titel – „Mädchen, das nie rostet“. Ich greife dieses Thema aber erst später auf, wenn sie aus der Politik ausgeschieden ist.

Standard: Stimmt es, dass alle ukrainischen Politiker Dollarmillionäre sind?
Kurkow: Allem Anschein nach ja. Denn in der ukrainischen Politik gibt es viel mehr Geschäftsbeziehungen als reine Politik.

Standard: Welche Zukunft sehen Sie für die Ukraine? Soll sie den EU-Beitritt anstreben?
Kurkow: Eine ukrainische Politik nach dem Prinzip „Alles ist gut, was Russland reizt“ wäre einfach dumm. Die Ukraine sollte natürlich ihr europäisches Ziel verfolgen. Doch damit sich der Staat auf dieses Ziel zubewegen kann, sollte es in unserer Politik zuerst zum Generationenwechsel und zur Mentalitätsänderung kommen.

Standard:Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Schriftsteller?
Kurkow: Ich habemir eine Aufgabe gestellt: Kiew als Handlungsort auf die Literaturweltkarte zurückzubringen. Ich denke, es ist mir gelungen. Zu Hause werde ich oft beschuldigt, ein negatives Image der Ukraine im Ausland zu schaffen. Darauf antworte ich immer: „Wenn euch nicht gefällt, was ich beschreibe, dann solltet ihr den Prototyp meiner Werke, die Ukraine, und euch selbst verbessern.“

Standard:Was finden Sie an Österreich besonders anziehend?
Kurkow:Rein emotional betrachtet, ist mir Österreich näher als Deutschland.Wahrscheinlichweil mein Lieblingsteil der Ukraine, Czernowitz und die Bukowina, einmal zu Österreich-Ungarn gehört hat. Viele ukrainische Schriftsteller aus den Karpaten, etwa Taras Prochosko und Jury Andruchowytsch, leben bis heute ihre Nostalgie nach den alten imperialen Zeiten aus. Der Mythos der k.u.k.-Monarchie ist sehr überlebensfähig. Tatsächlich haben die Österreicher und die Ukrainer viel Gemeinsames: etwa in der Kultur der Tafelsitten, in ihrer Offenheit und Freundlichkeit sowie in ihrer Gastfreundschaft.

ZUR PERSON:

Andrej Kurkow, geb. 1961, hat als russischsprachiger Schriftsteller der Ukraine bisher 13 Romane und fünf Kinderbücher veröffentlicht. Nach seinen Drehbüchern wurden mehr als 20 Filme gedreht. Seit 1988 ist Kurkow Mitglied des Londoner PEN-Klubs, seit heuer Mitglied im Booker-Preis-Komitee. Mit seiner englischen Frau hat Kurkow drei Kinder.

Der „gute Oligarch“

Milliardär Viktor Pintschuk investiert in gemeinnützige Projekte und Modernisierung

Kiew – Einer der reichsten Männer Osteuropas, geheimnisumwobener Oligarch, einflussreicher Medienmagnat, großzügiger Mäzen, Schwiegersohn des ukrainischen Ex-Präsidenten Leonid Kutschma – das sind nur einige vonViktor Pintschuks ‚Markenzeichen‘. Pintschuks Steckenpferd Nummer 1 ist die Wohlfahrt. Durch seine Stiftung finanziert er in der Ukraine den Anti-Aids-Kampf, Projekte zur Lebensrettung von Neugeborenen und zur Unterstützung von jüdischen Gemeinden. Er unterhält ein Stipendienprogramm und eine Wirtschaftsschule. 2004 gründete Pintschuk die NGO „Jaltaer Europäische Strategie“, deren Ziel der EU-Beitritt der Ukraine ist. Jeden Sommer versammelt Pintschuk in der Stadt Jalta auf der Krimhochkarätige Ex-Stars der internationalen Politik, die in einem an die Zarenzeit erinnern den Ambiente an derAusarbeitung von Visionen für die Zukunft der Ukraine mitwirken dürfen. Im vergangenen Sommer nahmen etwa BillClinton,Gerhard Schröder und Alexander Kwasniewski teil.

Interviews gibt Pintschuk nur ungern. Bei denen, die ihn kennen, genießt er den Ruf des einfachen Burschen von nebenan. Im Jahr 1960 als Sohne einer durchschnittlichen sowjetischen Familie geboren, studierte er im ostukrainischen Dnjepropetrowsk Metallurgie. Danach folgte die wissenschaftlicheMitarbeit an einem Forschungsinstitut, bis er 1990 das Unternehmen Interpipe Group gründete, das sich mit dem Wiederverkauf von Rohren beschäftigte. Seine zweite Ehe mit der Tochter des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma verwandelte Pintschuk über Nacht in einen der einflussreichsten Männer der Ukraine. In diese Zeit fiel der Beginn von Pintschuks politischer Karriere als Parlamentsabgeordneter. Als die von ihm finanzierten politischen Kräfte es bei den Parlamentswahlen 2006 nicht ins Parlament schafften, konzentrierte er sich auf seine Tätigkeiten als Unternehmer und Mäzen. Als leidenschaftlicher Sammler moderner und zeitgenössischer Kunst eröffnete er die
nun wohl berühmteste Kunstgalerie des Landes, das Pintschuk Art Centre in Kiew.

Sein Vermögen machte Pintschuk bei der Privatisierung ukrainischer Betriebe mit Methoden, die er heute als „nicht richtig“ bezeichnet. Inzwischen hat er es mit seinen zahlreichen gemeinnützigen und sonstigen ausgefallenen Projekten geschafft, in der Öffentlichkeit als „guter Oligarch“ wahrgenommen zu werden. ™