Die georgische Künstlerlegende Vachtang Kikabidze: Die Sache mit der Völkerfreundschaft

August 26, 2015
Tatjana Montik
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/die-sache-mit-der-voelkerfreundschaft-1.18504177
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Als Georgien noch zur Sowjetunion gehörte, war der Künstler Vachtang Kikabidze eine Legende. Seit der russischen Okkupation von Abchasien und Südossetien hat er sich wütend von Russland abgewandt.

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Der georgische Künstler Vachtang Kikabidze war das Gesicht Georgiens in der Sowjetunion. Sänger, Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, hat er in der UdSSR eine glänzende Karriere gemacht. Dem Zuschauer blieb er in seiner Rolle als Mimino im gleichnamigen Film seines Freundes, des Regisseurs Giorgi Danelia, in Erinnerung. Kikabidze gehörte zunächst zur sowjetischen und danach zur russischen Kulturelite, bis 2008 der Bruch kam. Als Russland gegen Georgien zum Schutz der abtrünnigen Provinz Südossetien einen Blitzkrieg führte, schwor der Künstler öffentlich, nie mehr einen Fuss auf russischen Boden zu setzen. Und er hat Wort gehalten.

Der inzwischen 75-jährige Kikabidze lädt zum Gespräch in sein grosses Haus ein, das im Tbilisser Bezirk Vake hoch auf dem Hügel liegt. Aussen wie eine Festung, innen wie ein Museum: Alte Fotos, Filmplakate, Konzert-Annoncen, gemischt mit vielen antiken Möbeln, schmücken die Räume.

Überwachung und Berufsverbot

Während er von seinem Schaffen in der Sowjetunion und von heute erzählt, raucht der Künstler eine Zigarette nach der anderen. «Wir sowjetischen Künstler konnten weder Propaganda noch Zensur entkommen. Auf Touren ins Ausland mussten wir uns stets in Gruppen bewegen und unsere Pässe mit einer Nadel an der Jacke befestigen», lacht Kikabidze, doch sein Gesicht wirkt bitter. Um seinem Publikum geheime Botschaften zu übermitteln, musste man erfinderisch sein. Und dennoch wurden Filme verboten und Regisseure mit Bann belegt. Auch er habe mit der Sowjetzensur zu kämpfen gehabt. «Als ich mich weigerte, in einem Film zusammen mit der Geliebten eines Ministers zu spielen, hat man mich zwei Jahre lang mit Berufsverbot bestraft.»

Auch die nationalen Ressentiments sind Kikabidze in Erinnerung geblieben: Für verschiedene kleinere Völker habe es demütigende Bezeichnungen gegeben – darauf habe Putin später aufgebaut. Doch Kikabidze, dessen Russisch einen leichten Akzent hat, hat es trotz alledem geschafft, seine nationale Identität nicht nur zu bewahren, sondern auch Millionen für sich zu gewinnen – als «Georgier», den man liebevoll «Buba» nannte. Seine zahlreichen Verehrer in Russland vermisse er natürlich. «Wenn ich Ihnen zeigen würde, welche Briefe ich bis heute aus Russland bekomme, würden Sie vor Rührung weinen», seufzt er.

Warum gleich einem ganzen Land den Boykott erklären? Diese Geste haben viele aus seiner Umgebung als Überreaktion bezeichnet und ihm dazu geraten, weiterhin in Russland zu arbeiten, sei doch Georgien ein zu kleines Land für einen Künstler seines Formats. Kikabidze sagt: Als 2008 der erste russische Panzer nicht mehr weit vor Tbilissi gestanden habe, habe er sich in seinem Zimmer eingesperrt und geweint. Gerade in den Tagen des Kriegs bekam der Künstler ein Telegramm aus Moskau: Man wollte ihn mit dem Orden der Völkerfreundschaft auszeichnen. «Ich habe dankend abgelehnt.»

Vachtang Kikabidze glaubt, das georgische Szenario von 2008 werde nun in der Ukraine von den Russen wiederholt. Damals verlor Georgien zwanzig Prozent seines Landesgebiets, Abchasien und Südossetien; beide wurden zu russischen Marionettenstaaten. Ein Rezept für die Versöhnung Georgiens mit Russland kenne er nicht, denn wie sehr sich sein Land auch darum bemühen möge, werde Putin doch seinen eigenen Plan durchsetzen wollen: die Wiederherstellung der Sowjetunion.

Zur Ukraine hat Kikabidze einen ganz persönlichen Bezug: «Mein Vater ist im Zweiten Weltkrieg 1942 auf der Krim gefallen. Und jetzt besetzt Russland die Krim! Ist so etwas im 21. Jahrhundert überhaupt möglich?» Dann macht er eine Pause: Wenn er heute dreissig wäre, würde er für die Ukraine ins Feld ziehen, denn es sei nicht gerecht, dass der Starke den Schwachen demütige.

Gerechtigkeit siegt immer?

Sollte Russland die Ukraine in die Knie zwingen, sei ganz Europa gefordert, denn als Nächstes nehme sich Russland der baltischen Staaten an. Und auf Georgien würde Russland gar keine Rücksicht mehr nehmen: «Sie könnten hier jederzeit einfach so einmarschieren, sogar morgen, das schliesse ich nicht aus.»

Die Idee, wieder einmal in Russland aufzutreten, hat Vachtang Kikabidze nicht ganz begraben – allerdings erst in einer Zeit nach Putin. Und so macht er weiter. «Ich habe immer neue Ideen und Inspiration und schreibe täglich, per Hand: Novellen, Filmskripte. Etwas anderes kann ich nicht.» Er arbeitet auch an einer Autobiografie, «Sie und ich», über all die Menschen, die ihm das Leben zum Geschenk machte. Darin erinnert er sich, dass er in einem acht Quadratmeter grossen Zimmer ohne Fenster aufgewachsen ist.

Seine Mutter, eine gläubige Frau, die im Kirchenchor sang, habe ihm eine Weisheit fürs Leben mitgegeben: Gerechtigkeit werde immer siegen. «Als ich meine Mutter fragte, ob sie ihren Gott gesehen habe, antwortete sie, ja, sie sehe Gott jeden Tag. Denn Gott lebe tief in uns selbst. Wir müssten nur an uns selbst glauben und lernen, für die anderen zu leben.» Das grösste Problem unserer Zeit besteht für Vachtang Kikabidze darin, dass die Menschen verlernt hätten, für die anderen da zu sein. Deshalb passiere in der Welt so viel Übles. Dies müsse sich ändern.

 

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